Mit der Pulka durch die Hardangervidda/Norwegen

Lange haben wir uns auf diesen Urlaub vorbereitet, denn mit den Hunden in einer (fast) menschenleeren Schneewüste unterwegs zu sein, sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen: Verpflegung vorbereiten, Hunde bestmöglich trainieren, Rationen berechnen, Equipment und Klamotten sichten und gegebenenfalls erneuern und erweitern. Weder Alex noch ich hatten im Vorfeld eine Tour unter diesen Bedingungen gemacht und uns ging ganz schön die Muffe - das muss ich mal ehrlich zugeben. Es war zwar geplant in Hütten zu übernachten, aber man darf nie davon ausgehen, dass man diese auch wirklich erreicht. Obwohl ich persönlich absolut kein Mensch bin, der großartig irgendetwas durchplant, war es für den Norwegentrip einfach notwendig. 

Die Fahrt zur Fähre gestaltete sich erfreulich ereignislos und vorm Boarding konnten wir sogar noch zwei Stunden schlafen. Ich kannte das ganze Entladungsprozedere ja schon, aber Alex stand mit offenem Mund neben mir und kommentierte jeden LKW, der über die Rampe von der Fähre herunterrollte. In unglaublicher Geschwindigkeit war der Kahn entladen und wir konnten an Bord gehen. Die Hunde blieben während der vierstündigen Überfahrt von Hirtshals nach Langesund im Auto. Wir schnappten uns die Schlafsäcke und legten uns auf das micht sonderlich sonnige Sonnendeck. Das Wetter war trüb aber es blieb von oben trocken. Dann schoben sich die ersten schneebedeckten Felszungen in unser Blickfeld - Wir waren da!!! Norwegen! 

Und nun folgte der aufregende Teil der Anreise. Es war gegen 13:00 Uhr, laut Navi hatten wir noch 320 Kilometer bei einer Fahrzeit von 5 Stunden vor uns. Bei der erstbesten Gelegenheit hielten wir jedoch an und ließen Winterluft an die Hunde. Die drei Mädels tobten wie verrückt durch den Schnee und konnten ihr Glück kaum fassen. Viel zu schnell mussten sie wieder in den Hänger, doch wir wollten endlich ankommen. Wirklich schnell ist man im Norwegen nur mit dem Flugzeug irgendwo - die Straßen schlängeln sich zwischen Seen und Bergen hindurch und waren alle mit einer ordentlichen Eisschicht bedeckt. Mehr als einmal wollte der Anhänger uns überholen aber Alex meisterte das Geschlinger souverän.  Hin und wieder hielten wir an um Fotos von der gigantischen Landschaft um uns herum zu machen. Dann 100 Kilometer vor dem Ziel war plötzlich Schluss. Wir standen vor einer anderthalb Meter hohen Schneewand und nur die oberen Enden der Begrenzungsstäbe markierten ihren weiteren Verlauf. Vertraue NIE dem Navi...

Die Funktion "Alternativroute berechnen" förderte dann auch ein eher unschönes Ergebnis zu Tage - statt 100 nun wieder 325 km bis zum Ziel. Ein Moment in dem man echt Humor braucht... aber es nützte ja nichts. Inzwischen war es dunkel geworden und ein weiterer Versuch Veggli auf kürzerem Weg zu erreichen (war ausgeschildert) endete 9 Kilometer vor der Ortschaft abermals vor einer Schneewand. Also fanden wir uns zähneknirschend damit ab den kompletten Tinnsja See entlang wieder zurück zur 37 zu fahren. Alex wurde langsam müde und bevor wir tauschten hielten wir kurz für ein Powernapping. Bei inzwischen -15 °C Außentemperatur kühlte das Auto jedoch recht schnell aus, ich wechselte auf den Fahrersitz und weiter ging es durch Nacht, Schnee und Einsamkeit. Kurz vor Dagali begann es zu schneien und auf einer Passstraße meinte ich plötzlich eine Bewegung im Augenwinkel wahrzunehmen. Das Schneegestöber entfaltete seine hypnotische Wirkung glaubte ich erst aber nein. Majestätisch stakste ein junger Elch über die Leitplanke und tappte vor uns auf die Fahrbahn. Dort schlenderte er gemütlich entlang, bis er auf der anderen Seite eine Stelle fand an der er wieder in den Wald wechseln konnte. Ab da fuhr ich noch vorsichtiger als eh schon.
Gegen drei Uhr nachts fanden wir dann endlich den Parkplatz Dyranut, wo Lukas auf uns wartete. Er schmiss den Spirituskocher an und wir ließen die Hunde aus dem Auto. Gürkchen fand direkt einen fetten Lemming, den sie nach einigem Zögern auch verspeiste. 

Auf nach Kjeldebu!

Nach einer kurzen Nacht konnte es endlich losgehen. Der Parkplatz um uns herum füllte sich zusehends. Kiteboarder waren überall auf den unendlichen Schneeflächen wie bunte Tupfen unterwegs. Wir beluden die Pulka mit unserem Gepäck, Verpflegung und Hundefutter für 7 Tage, spannten ein und endlich konnten die Hunde laufen. Da dabei doch einiges an Gewicht zusammenkam hatten wir alle drei Hunde vor der Pulka - Boscaille im Wheel und die Huskymädels vorn. Am ersten Tag fuhr ich mit den ihnen und Alex übernahm den Part des Pathfinders auf Langlaufskiern und ohne Hund vorweg, Lukas mit dem Grönigespann dahinter und wir bildeten die rote Laterne.

Der Trail war mit Reisigstecken markiert und unter den Verwehungen konnte man die Skido Spur erahnen. Bald setzte ich die Sonnenbrille auf, das Gleißen war unglaublich. Ewige weite, weiße Flächen und darüber ein blauer Himmel, der nur hin und wieder von einzelnen Wolken verdeckt wurde. Der direkte Weg zur Hütte belief sich auf etwa 10 Kilometer. Ein ständiges Auf und Ab. Bergab schob die Pulka kräftig vorwärts und ich brauchte meine ganze Kraft, um das Gefährt zu bremsen. Besonders wenn wir ein kurzes Stück Pulverschnee kreuzten fand die Bremse nur schlecht den nötigen Grip. Bei besonders steilen Abfahrten kamen daher auch die Ski von den Füßen und ich bremste das Gespann, indem ich mich voll in dem Gurt nach hinten lehnte und die Hacken tief in den Schnee grub. Kurz vorm Tagesziel beschlossen wir, dass es einfach zu schön war, um schon anzukommen und so hängten wir noch eine 5 Kilometer Schleife dran. 

In der Hütte angekommen, die in den kommenden Tagen unser Basecamp sein sollte, richteten wir uns erstmal ein. Stake out aufbauen, Ofen anheizen, Schnee auftauen waren die wichtigsten Arbeiten. Außer uns war niemand in der halb bewirtschafteten Hütte zu Gast und wir konnten uns ordentlich ausbreiten. Beim Ausspannen sprach ich Lukas auf seine Junghündin Freija an, sie wirkte irgendwie unförmig. Sie war recht dünn, hatte aber einen ziemlich aufgeblähten Bauch. Schaute ein bisschen nach Wurmbefall aus, doch die anderen Hunde hatten diese Probleme nicht, sie war fit also dachten wir erstmal nicht weiter darüber nach.

Tagestour nach Maurset

... zumindest sind wir dort am Ende gelandet. Am Morgen spannten wir nach einem reichhaltigen Porridge Frühstück die Hunde ein und verließen die Hütte Richtung Stausee Sysenvåtnet. Wir folgten zuerst dem Sommerwanderweg und später einem Zulauf, der als flache Rinne mit leichtem Gefälle in der Schneelandschaft zu erkennen war. Am Ufer hatten sich gigantische Eisplatten am Ufer hinauf und übereinander geschoben. Das Eis leuchtete in einem kräftigen Blau zwischen dem ansonsten allumfassenden Weiß hervor. Über uns war der Himmel wieder strahlend blau und nur ein paar zerfaserte Wölkchen waren am Horizont zu sehen. Der Wetterbericht, den man in der Hardangervidda immer im Blick haben sollte, sagte eine stabile Lage für die gesamte Woche voraus, aber es schadet nicht selber zu beobachten und im Zweifelsfall lieber umzukehren. In der Pulka hatten wir auch immer die Notfallausrüstung dabei. 

Nach einem Slalom um die Eisschollen kamen wir auf die gerade Fläche des Sees. Wir querten ihn einmal und schlugen dabei wieder einen leichten Bogen nach Norden. Dort war ein Sattel zu erkennen der so aussah, als käme man dort mit den Gespannen gut durch. Es war beeindruckend zu sehen wie die Entfernungen auf der ebenen Fläche des Sees täuschte. Heute hatte ich den Part des Scouts übernommen und versuchte immer eine gute Linie für die Gespanne zu finden. Als wir den Sattel auf der anderen Seite erreicht hatten, kam ein kräftiger Wind auf. Eigentlich wollten wir soweit an der Bergschulter entlangfahren, bis wir einen Blick auf den Hardangangerjokulen, den Gletscher, würden werfen können, doch aufgrund des Windes und der Wolken am Horizont, die sich immer mehr zu einer Wand aufbauten, beschlossen wir einen Bogen nach Süden zu schlagen und so zurück Richtung See und Hütte zu fahren. Am Scheitelpunkt machten wir aber erstmal eine Teepause. Gürkchen und Boscaille rollten sich auf der Pulka zusammen und Em grub sich ein Loch in den Schnee. 

Nach einem letzten knackigen Anstieg ging es über fest gepressten Schnee steil hinab ins Tal. Dort stießen wir auf eine Loipe und tatsächlich dem ein oder anderen Skifahrer. Jetzt war es für die Hunde leicht und die Gespanne hängten mich auf den Skiern ganz schön ab. An einem steilen Berg passierte es dann - Lukas Gespann bekam sich ordentlich in die Wolle. Kimara, seine Leithündin blieb dabei sehr unglücklich mit der Pfote in der Neckline hängen und musste, nachdem die anderen Hunde getrennt waren erstmal befreit werden. Ich warf einen Blick auf die Pfote, ein Zeh war offensichtlich gebrochen und schlabberte nur noch locker herum. Schöner Mist. Kimara setzte die Reise von da an im Schlittensack fort. 

Wir näherten uns immer weiter der Straße und hofften parallel zu ihr wieder zum See zu gelangen, diesen zu queren und zeitnah Kjeldebu zu erreichen. Doch das Geländeprofil und die Bebauung machten uns einen Strich durch die Rechnung und wir standen vor der Straße. Blöde Situationen erfordern manchmal ein wenig Kreativität. Unsere Autos standen etwa 12 Kilometer entfernt in Dyranut. Alex schnallte sich die Ski ab und hielt das nächste Auto an, dass die Straße entlang kam. Der Plan - Alex holt unser Auto mit Hänger und wir fahren bis Dyranut und von dort die restlichen 10 Kilometer zurück zur Hütte. 
Etwa eine Stunde später parkte dann der Subaru vor uns am Straßenrand. Pulka und Schlitten verzurrten wir auf dem Hängerdach und Lukas sechs Hunde wurden auf die drei Boxen aufgeteilt. Unsere drei und ich durften hinten ins Auto und ab ging es zurück zum Ausgangspunkt. 

Unter Sternen

Von Dyranut brachen wir nicht sofort wieder auf, sondern ließen den Hunden noch eine Weile Ruhe. Als wir uns schließlich auf den Weg machten dämmerte es bereits. Die Hunde waren im ersten Moment verwirrt, dass sie noch einmal ins Geschirr kamen, hatten sie doch ihre 30 Kilometer an diesem Tag schon weg, doch es ging nun mal nicht anders. Da mussten wir jetzt zusammen durch. Der Trail war noch sehr lange ohne Stirnlampe erkennbar doch der Reisig war durch den Wind mit langen, weißen Eisfahnen verziert und hob sich so schlecht vom Weiß im Hintergrund ab. Zu Beginn war es noch sehr trüb doch nach und nach kamen die Sterne heraus. Die Temperaturen sanken ab und ich zog trotz der ständigen Bewegung meine Handschuhe aus Entendaunen an. Der Sternenhimmel wurde immer klarer und der Neumond, als schmale Sichel kam ebenfalls hervor. Es war magisch. 

Die Hunde hatten den Weg ebenfalls wieder erkannt und trabten brav voran. Zurück in Kjeldebu stand erstmal die Versorgung der gebrochenen Pfote an. Nach Rücksprache mit Lukas Tierarzt über Telefon stabilisierten wir die Zehe mit einem Pfotenverband. (> anscheinend haben wir das gut gemacht, denn heute, gut ein Vierteljahr später läuft Kimara wieder super)

Nach einem guten Abendbrot, welches wir mit Dosenlachs aus der Hüttenvorratskammer aufpeppten und Tee fielen wir erschöpft in die Betten. 

Skiwanderung & Versorgungsfahrt

Am Dienstag beschloss Lukas für sich und seine Hunde einen Pausetag, also schnappten Alex und ich uns die Ski und zogen auf eigene Faust los. Sakari und Boscaille durften ohne Leine mitlaufen und Emi hing bei Alex am Bauchgurt. Wir erkundeten einsame Täler und zu gefrorene Seen. Das ewige Weiß ist allerdings tückisch. Man sollte nie einfach irgendwo abfahren, weil es nett ausschaut sondern sich langsam voran tasten, wenn man nicht den absoluten Vorausblick hat. Schneeüberhänge können plötzlich vor einem auftauchen und einmal verbarg sich hinter einem kleinen Schneebuckel sogar ein Wirbel von einem Wildbach, der an dieser Stelle nicht zu gefroren war.

Immerwieder kreuzten Tierfährten unseren Weg deren Verlauf man über die weiten Schneeflächen ewig mit dem Auge folgen konnte. Auf einer Erhebung inmitten des Sees auf dem wir gerade unterwegs waren, entdeckten wir eine Steinsäule, die wir als Pausenziel auserkoren. Die Aussicht auf den Stausee und die umliegenden Berge war gigantisch und in der Sonne konnte man es auch durchaus aushalten. Der Rückweg führte uns wieder an den Eisschollen am Ufer des Sysenvåtnet vorbei. Am Übergang zwischen Wasser und Land gab es auch Stellen mit flüssigem Wasser, ein Indiz der ständigen Bewegung des Eises.

Eine schnurgerade Linie über die weite Fläche markierte unseren Weg vom Vortag, doch wir beschlossen diesmal den Weg entlang der Hügel am Ufer zu nehmen. Bald stießen wir wieder auf den Sommerwanderweg, dessen Markierungssteine mit dem roten T darauf, vom Wind freigeweht worden waren. 

Zurück in der Hütte vertrieben wir uns die Zeit mit Kartenspielen und Lesen. Der Internetempfang reichte sogar für zwei Folgen von "Der Mann in den Bergen", Lukas Lieblingsserie und eine Bildungslücke bei Alex und mehr, die an diesem Abend geschlossen wurde.

Mittwoch Morgen kränkelte Lukas ein wenig und wir verschoben den geplanten Aufbruch nach Finse um einen Tag nach hinten. Damit wir durch die Verschiebung keine Probleme mit den Vorräten bekommen, beschlossen Alex und ich mit der Pulka noch einmal nach Dyranut zu fahren. Der Tag war eh sehr trüb und man konnte die Reisigstecken kaum erkennen. Wir wöhlten diesmal die Südroute und glitten fast blind durch ein weißgrau in dem man nicht wirklich unterscheiden konnte, wo der Schnee aufhörte und der Himmel anfing. Das letzte Stück zu den Autos navigierte ich Alex von der Pulka aus mittels GPS. Es war erstaunlich zu beobachten wie extrem er so ganz  ohne Fixpunkte immer wieder von der geradeaus Richtung abwich. Am Auto bekamen die Hunde erstmal einen Snack und wir beluden die Pulka mit den restlichen Vorräten. Zurück ging es dann wieder über unseren inzwischen schon altbekannten Weg. 

Zurück in der Hütte überraschte uns Lukas mit einer Erkenntnis. Er hatte nochmal über Freija nachgedacht und ein bisschen gerechnet und nunja vielleicht eventuell, eigentlich hatte er sie ja von Odin, dem einzigen intakten Rüden in seiner Hundegruppe getrennt gehabt, aber naja vielleicht war es ja schon zu spät gewesen... Wir also raus zum Stake out und uns die Hündin nochmal unter diesen Gesichtspunkten angeschaut und tatsächlich. Wenn das kein Gesäuge war, das sich da gebildet hatte, dann weiß ich auch nicht. Lukas wurde Papa... auf den Schreck gabs erstmal nen Schnaps. 

Abenteuer Finse - Arschlochfinse

Donnerstag Morgen war es dann soweit, die Temperaturen waren über Nacht noch einmal ordentlich gefallen und das Thermometer zeigte -20°C an, wobei der Himmel wieder glasklar war und die Sonne schien. Wir verstauten unser ganzes Gepäck in den Schlittensäcken und verließen Kjeldebu für die nächsten Tage, so dachten wir zumindest. 
Laut Wanderkarte waren es etwa 22 Kilometer über den Winterwanderweg nach Finse, am Ende waren es allerdings 30. Das Gelände war anspruchsvoll, es ging einige Höhenmeter hinauf und wir versuchten die Hunde bestmöglich zu unterstützen. Gerade an den schrägen Hängen drückte es die Pulka immerwieder vom Trail in den Tiefschnee, aber die Mädels powerten und zogen die Last wie kleine Lokomotiven durch den Schnee. Die Anstrengung wurde mit fantastischen Landschaften und Ausblicken belohnt und dennoch waren wir froh als unter einem violetten Abendhimmel im Tal vor uns die Lichter der Bergstation Finse auftauchten.

Wir steuerten die örtliche DNT Hütte an, deren Hauptgebäude allerdings dunkel war. An der Tür klebte ein Zettel mit dem Hinweis, dass der Skistall geöffnet ist und daraufhin entdeckten wir auch das flache Gebäude hinter einer Schneewehe. Es brannte Licht und Lukas steuerte Richtung Eingang - es war abgeschlossen. 

Im Hauptgebäude bewegte sich plötzlich etwas und man sah einen Mann hinter einem der Fenster herumlaufen. Er schaute kurz zu uns heraus und gab uns zu verstehen, dass die Hütte heute nicht öffnen würde und wir uns doch an das Hotel im Ort wenden sollten. Na toll... Am Hotel angelangt ging ich zur Rezeption und fragte was eine Nacht in einem Zimmer für drei Personen kosten sollte. Der Betrag, der mir genannt wurde war sehr norwegisch (etwa 400 Euro) und die Rezeptionistin, eine junge Studentin, sah mich mitleidig an. 

Unter der Hand erzählte sie mir vom Bahnhofswarteraum, dort dürfe man zwar eigentlich nicht übernachten aber sie würde es keinem verraten. Ich bedankte mich überschwänglich und informierte die Jungs. So verbrachten wir eine nette Nacht im Bahnhof von Finse. Wobei ich eigentlich direkt einschlief, nachdem die Hunde versorgt waren. Nachts wurden wir immermal wieder von vorbeirauschenden Zügen und den ankommenden und abfahrenden Passagieren der Nachtzüge geweckt doch ansonsten hatten wir unsere Ruhe.

Da Finse eigentlich als Ausgangspunkt für die nächsten Tage dienen sollte und nun wegfiel, beschlossen wir nach Kjeldebu zurück zu kehren. Dort wollten wir noch eine Nacht verbringen und dann zu den Autos zurück fahren und unseren Startpunkt für die folgende Woche in die südliche Hardangervidda nach Haukerliseter zu verlegen.

Gesagt, getan. Am nächsten Morgen wurden wir vom Putzteam aus der Bahnhofshalle gekehrt. Wir spannten ein. Heute wollte es bei Lukas gar nicht so richtig voran gehen und Alex und ich fuhren voraus. Nach dem ersten langen Anstieg aus dem Tal heraus in dem sich Finse lag, ging es erstmal bergab.

Der Trail war auf der ersten Hälfte nicht markiert doch es gab Skidospuren denen wir folgen konnten. Heute war es verglichen mit den -20°C vom Vortag richtig warm und auf einem See, machten wir ein Päuschen und warteten in der Sonne bis Lukas wieder heran war. 

Die Sonne stand schon tief als wir oberhalb des Tals ankamen auf dessen Sohle die Hütte Kjeldebu auf uns wartete. Wir sausten die Abfahrt hinunter und ich stellte erstaunt fest wie sicher ich in den letzten Tagen auf den Skiern geworden war. Die schneebedeckten Hügel wechselten minütlich die Farbnuancen, es herrschten gelbe und violette Töne vor. Es war einfach ein Traum. Lukas hatte sich für die Dauer dieses Schauspiels noch eine Pause auf der Hügelkuppe gegönnt und kam, an als der Ofen bereits brannte und der erste Topf mit Schnee zum tauen auf dem Herd stand. Es wurde ein gemütlicher Abend und es war fast wie ein nach Hause kommen. 

Ortswechsel

Am nächsten Morgen brachen wir dann endgültig die Zelte ab. Putzen, Packen und noch einmal dem beeindruckenden Kackturm in Plumsklo Nummer eins bewundern, hier hatten Frost und Verdauungsendprodukte gar Beeindruckendes geschaffen!
Wir entschieden uns erneut über die Südroute nach Dyranut zu fahren. Und diesmal kamen uns die Hüttenwirte mit dem Skido entgegen, um die Vorräte aufzufüllen. Sie passierten langsam und im Standgas mit Bogen die Gespanne, grüßten freundlich und düsten dann wieder weiter, dass der Schnee nur so aufstob. Diese Rücksicht ist toll - sogar der Schneepflug an der Straße nahm jedesmal den Schild hoch und schob erst weiter nachdem er an uns vorbei war.

Von unserer Nebelfahrt am Mittwoch hatte ich einige Abfahrten auf dieser Strecke gar nicht mehr so steil in Erinnerung, doch gerade die letzte war eine lustige Buckelpiste. Wir bekamen ordentlich Speed drauf und ließen jetzt selber den Pulverschnee aufstieben. Ich bildete mir ein solche Passagen inzwischen sehr elegant zu bewältigen, inwiefern das allerdings der Realität entsprach, müssten andere beurteilen. An der Straße war dann wieder alles bunt getupft und wir schlängelten uns durch die Snowkiter hindurch. Lukas Gespann machte auf einmal eine 90° Kurve und fuhr einem kleinen dunklen Punkt hinterher, der über den Schnee huschte. Marwin, nun allein und ohne die souveräne Kimara im Lead, hatte einen Lemming entdeckt und war auf einen Snack to go aus. Leider ging die Geschichte nicht gut für den Lemming aus... Ich hatte diese Tierchen bereits im Sommer kennen lernen dürfen und man muss schon sagen, dass die Story mit dem Selbstmordgen gar nicht soooo weit hergeholt ist. 

Am Parkplatz musste Alex erstmal Starthilfe geben, erst einem der Parkranger, der gerade das Skido auf den Anhänger seines Jeeps geladen hatte, dessen Auto jedoch trotz zweiter Batterie nicht mehr anspringen wollte und anschließend noch Lukas klapperigen Transporter. Die Hunde freuten sich offensichtlich auch über einen Ortswechsel und rollten sich in ihren dick mit Stroh gepolsterten Boxen zusammen. 
Von Geilo sind wir gekommen und nun fuhren wir über die Hochebene hinunter zum Eidfjord. Gigantische Felswände mit dicken Panzern Eis bedeckt, ragten links und rechts von uns auf. Wassermassen, die auf ihrem Weg in den Fjord erstarrt waren. Und unten, da war es grün. Nur vereinzelt lag Schneepuder herum. Wir entdeckten einen Supermarkt und erledigten noch ein paar Einkäufe. 

Brot! eine willkommene Abwechslung zum Porridgeeinerlei am Morgen und meine heiß geliebten Zimtboller wanderten in den Einkaufswagen. Lukas und Alex organisierten dann noch Tankstellenhamburger, Lukas hatte davon geschwärmt, und wir waren für die Weiterfahrt gewappnet. 
Die vollbewirtschaftete Hütte Haukerliseter erreichten wir am späten Nachmittag und wir mieteten uns im Gemeinschaftsschlafraum ein. Als DNT Mitglied ist dieser Spaß sogar erschwinglich und wir hatten eine Sauna und einen Hot Pot zur Verfügung. Die Jungs nahmen dieses Angebot auch direkt in Anspruch. Ich klinkte mich aus und genoss es auch mal allein abschalten zu können. 

Luxus in Haukerliseter vs. Hardcorewintercamping

Wir genossen den Aufenthalt in Haukerliseter wirklich sehr. Mit Alex drehte ich eine Runde auf den Skiern auf dem angrenzenden See, auf der Jagd nach einem  nahegelegenen Geocache. Die Hunde genossen den Freilauf und den Schnee. 

Zurück in der Hütte verging die Zeit mit Karten spielen, einem Abendessen im Restaurant und anschließend einem Besuch in der Holzsauna. Die Jungs hatten sich am Vorabend ausgemacht, dass sie einen Tag in Oslo verbringen wollten um sich die "Fram" anzuschauen. Ich kannte das Museum zwar schon, war aber überstimmt. Am Montag brachen wir also, nach einem genialen Frühstück mit Lachs und allem pipapo, auf Richtung Oslo. Der Museumstag war für Donnerstag angedacht und für die Zeit bis dahin wollten wir uns ein nettes Fleckchen suchen wo wir noch ein bisschen fahren konnten. Dieser Platz fand sich nach einigem Suchen dann auch am Ufer des Tjagevåtnet. Dort war eine geschobene Parkbucht und Reste vom Lager eines Eisanglers. 

Jetzt wollten die Jungs natürlich auch unbedingt Eisangeln. Wir fuhren also nochmal mit einem Auto in den nächsten Ort und dort gab es im Supermarkt tatsächlich ein Eisangelset. Nun gut. Während Alex und ich unterwegs waren, hatte Lukas die Löcher freigehackt. Wir zündeten ein Feuer an und ließen uns auf den Isomatten drumherum nieder. Es wurde bald dunkel, der Mond und die Sterne leuchteten über uns und es wurde kalt. Die Angelversuche blieben erfolglos und wir freuten uns auf die warmen Schlafsäcke und unser Lager im Auto. Am Morgen erwachten wir in einem Eispalast - das Kondenswasser aus unserer Atemluft war an den Scheiben zu Eisblumen erstarrt. Die Motivation aufzustehen hielt sich in Grenzen. Doch ein menschliches Bedürfnis ließ keinen Aufschub mehr zu. Es war sofort wieder kalt. Auch auf unserer Pulkarunde über den See wurden wir nicht mehr richtig warm. 

Kaum zurück kuschelten wir uns wieder in die Schlafsäcke. Bereits am Vortag hatten wir bemerkt, dass ich unsere Tasche mit Kabeln, Powerbanks und Akkus wohl in Kjeldebu hatte liegen lassen. Da blieb nur das Buch, offline Unterhaltung, "Needful Things" von Stephen King stand auf dem Programm und während Leland Gount die Bewohner der kleinen Stadt immer weiter gegeneinander ausspielte, wurde es draußen noch kälter. Die fahrt nach Oslo am Mittwoch war daher auch eine Wohltat. Die Heizung im Auto voll aufgedreht, wurden wir wieder einmal richtig durchgewärmt.

Kultur in Oslo

In Oslo angekommen fanden wir ein nettes Plätzchen an einem Park auf der Museumsinsel Bygdøy. Wir schlenderten ein wenig hindurch und waren nach wenigen Metern am Meer. Das Meer :-) 

Die Möwen schrien und die großen Fährschiffe kreuzten vor uns im Fjord. Wir kletterten auf den Felsen herum und Emi klaubte eine tote, tiefgefrorene Möwe aus einer Felsnische. Die hätte sich schon recht stylisch auf dem Hängerdach gemacht, doch wir sahen von der Idee ab und drapierten sie stattdessen auf einem Felsen. Den Sonnenuntergang genossen wir von einer der Parkbänke aus und fassten dort auch den Entschluss am Abend noch einmal Essen zu gehen. Dabei ging es weniger ums Essen, als vielmehr um die Aussicht auf einen beheizten Raum. 

Am Morgen standen wir dann pünktlich 10 Uhr auf der Matte vom Fram Museum.. Das riesige Expeditionsschiff steht dort ausgestellt und rundherum wird die Geschichte von den Expeditionen zu den Polen erzählt. Geschichten über Inuit, Nansen und natürlich das legendäre Rennen zum Südpol zwischen Amundsen und Scott, bei denen neben der Fram auch immer Schlittenhunde eine große Rolle spielte, wobei deren Realität alles andere als romantisch war. Ich war eh wieder guter Dinge, denn ich hatte einen Anruf aus Kjeldebu erhalten, ein paar deutsche Skiwanderer waren auf unser Elektrokram gestoßen und wollten es uns, sobald sie wieder in Deutschland waren zuschicken. Perfekt!

Im Anschluss gaben wir uns noch ein bisschen weiter zurückliegende Geschichte. Ein Besuch im Wikingerschiffmuseum rundete diesen Kulturtag ab. 

Am nächsten Tag würde 14:30 Uhr unsere Fähre in Haugesund ablegen und so verabschiedeten wir uns von Oslo und fuhren weiter nach Süden. Wir fanden leider keinen guten Stellplatz auf der Strecke und so parkten wir direkt in Haugesund. An diesem letzten Abend verprassten wir unsere ganzen restlichen Vorräte und schwatzten gut gesättigt noch bis lange in die Nacht hinein. 

Und dann war es vorbei. Unser Abenteuer. Es wurde auch höchste Zeit, dass es heim ging. Bei Lukas Hündin wuchs der Bauchumfang zusehends und an den Zitzen bildeten sich bereits Milchtröpfchen wenn man leicht massierte. Am Ende dauerte es noch eine ganze Woche bevor im heimischen Thüringer Wald f+nf kleine Grönlandhunde das Licht der Welt erblickten aber an diesem Morgen an der Fähre hätte es uns nicht überrascht, wenn bereits bei der Ankunft in Hirtshals der Nachwuchs dagewesen wäre...

Fazit:

Ich liebe diese tollen Hunde, die in der ersten Woche etwa 160 km an der Pulka gelaufen sind und dabei richtig Gewicht bewegt haben. Boscaille, der 10 jährige HD Mali, hat richtig Muskeln an ihrem schwächeren Bein aufgebaut und für ihre toll gearbeitet wenn es wirklich notwendig war. Gürkchen hat das Konzept Pause endlich verstanden und verinnerlicht. Absolut in ihrem Element war natürlich Emi, da kam der Husky zum Vorschein. 
Gern möchte ich so eine Tour nochmal machen, allerdings erst wenn ich mehr und geeignetere Hunde für diese klimatischen Verhältnisse habe. In der nächsten Zeit würde ich erst einmal eine feste Hütte vorziehen und eine Gegend mit einfacherem Geländeprofil wählen. Seniorentauglich für Maxl und Boscaille, denn so fit, wie sie noch ist, jünger wird das Mädchen auch nicht. Maxl war übrigens in der Zeit super bei Freunden untergebracht, durfte Lagottos ärgern und hat sich einen Ast abgefreut als wir ihn wieder abgeholt haben :-)

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Kommentare: 2
  • #1

    Manty (Samstag, 12 Mai 2018 12:53)

    Einfach Klasse euch so zu begleiten. Wünsche euch noch viele viele Hundewege und uns schöne Beiträge. LG. Manty

  • #2

    Mountaindogs (Montag, 14 Mai 2018 20:08)

    Sehr schöner Bericht
    Da bekommt man richtig Sehnsucht
    Ich muss unbedingt auch mal nach Norwegen